Match des Jahrhunderts[ bearbeiten ]

Der Kampf um die Weltmeisterschaft im Schach von 1972 zwischen dem amtierenden 35 Jahre alten Weltmeister Boris Spasski und seinem 29 Jahre alten Herausforderer Robert James Fischer im Nationaltheater in der isländischen Hauptstadt Reykjavík gilt als Match des Jahrhunderts.
Vom Dienstag, den 11. Juli 1972 bis zum Freitag, den 1. September 1972 fanden die 21 Partien des auf 24 Partien angesetzten Wettkampfes statt. Dem amtierenden Weltmeister sollten 12 Punkte zur Titelverteidigung genügen, während der Herausforderer 12,5 Punkte zur Übernahme des Weltmeistertitels benötigte. Spasskis Sekundanten waren Efim Geller, Nikolai Krogius und Ivo Nei, Fischer wurde von William Lombardy sekundiert.

Prolog

Der Wettkampf fand statt in der Hochzeit des Kalten Krieges. Seit dem 2. Weltkrieg hatten nur Spieler aus der Sowjetunion den Weltmeister gestellt. Der in dem antikommunistischen Klima der McCarthy-Ära aufgewachsene, von Haß auf Kommunisten und Juden geleitete Bobby Fischer sah sich als Einzelkämpfer gegen eine erdrückende sowjetische Übermacht, die es seiner Meinung nach zu beseitigen galt.

Die amerikanische Schachmeisterschaft von 1970 galt gleichzeitig als Zonenturnier und ermöglichte den drei Erstplatzierten (William Addison, Samuel Reshevsky und Pal Benkö) die Teilnahme am Interzonenturnier. Bobby Fischer, der die amerikanische Schachmeisterschaft schon seit einigen Jahren boykottierte, war daher nicht zum Interzonenturnier qualifiziert. Lediglich der Verzicht Pal Benkös, welcher dafür vom US-Schachverband 2000,- Dollar erhielt, ermöglichte Fischer die Teilnahme, der dann das Turnier im November und Dezember 1970 in Palma de Mallorca vor 23 anderen Teilnehmern, darunter Efim Geller, Wassili Smyslow, Vlastimil Hort und Robert Hübner, mit 3,5 Punkten Vorsprung tatsächlich gewann. Dabei gelang es ihm, die letzten sieben Runden in Folge zu gewinnen.

Anschließend erkämpfte er sich mit einer beispiellosen Siegesserie in den Kandidatenturnieren das Recht zur Herausforderung des Weltmeisters: 6:0 gegen Mark Taimanow, 6:0 gegen Bent Larsen und im Finale 6,5:2,5 gegen Tigran Petrosjan. Unter Anrechnung der sieben Abschlußsiege von Palma de Mallorca und dem Sieg in der ersten Runde gegen Petrosjan gelangen ihm also 20 Siege in Folge gegen Großmeisterkollegen – eine seither nie mehr erreichte Serie.

Spasski hingegen war seine Generalprobe beim Aljechin-Gedenkturnier Ende 1971 in Moskau gründlich mißglückt. Er war von der Kommunistischen Partei in dem von den Massenmedien zum Wettkampf der Systeme hochstilisierten Match dazu auserkoren, die grundsätzliche Überlegenheit der sowjetischen Gesellschaft im Allgemeinen und die der Sowjetische Schachschule im Besonderen unter Beweis zu stellen. Eine Aufgabe, die den sensiblen Sportler – dem man unterstellte, daß er sich seiner Pflicht gegenüber dem sowjetischen Volk nicht genügend bewußt sei und der bei vielen im sowjetischen System als unzuverlässig galt – möglicherweise überforderte.

Aber auch Fischer konnte nicht auf die uneingeschränkte Unterstützung seiner Landsleute setzen: Er galt insbesondere in den amerikanischen Medien als arrogant, unberechenbar, zwanghaft und paranoid, Charaktereigenschaften, die in der amerikanische Öffentlichkeit auf wenig Gegenliebe stießen, während die durch den Vietnamkrieg diskreditierte amerikanische Regierung einen weiteren Imageverlust durch das irrationale, oftmals vulgäre und in der Regel wenig diplomatische Auftreten des genialen Exzentrikers befürchtete.

Nach einem zermürbenden Gezerre um Preisgelder (Fischer gelang es schließlich, das ausgelobte offizielle Preisgeld im Vergleich zum vorangegangenen Weltmeisterschaftskampf von 1969 auf letztendlich 150.000 US-Dollar mehr als zu verhundertfachen), Spielbedingungen und Spielorte, bei dem Fischer mehrmals mit seiner Abreise gedroht hatte, konnte der ursprünglich auf den 4. Juli, den amerikanischen Unabhängigkeitstag, terminierte Wettkampf am 11. Juli 1972 endlich beginnen. Sogar der amerikanische Außenminister Henry Kissinger hatte sich telefonisch eingeschaltet, um Fischer zum Spielantritt zu bewegen: "Hier ist der schlechteste Spieler der Welt, um mit dem besten Spieler der Welt zu sprechen", leitete Kissinger das Telefonat ein - und, im weiteren Gesprächsverlauf: "Amerika wünscht sich, daß Sie da hinfahren und die Russen schlagen!". Ohrenzeugen des Telefonats berichteten, daß Fischer beeindruckt gewesen sei und ab diesem Zeitpunkt zu einem Einlenken bereit.

Der am 1. Juli 1972 mit einem negativen Kommentar auf der Titelseite der New York Times bedachte Fischer erschien trotzdem nicht zur offiziellen Eröffnungsfeier am selben Tag in Reykjavík. Der Platz neben Spasski blieb während der ganzen Veranstaltung leer, der Herausforderer weilte zu diesem Zeitpunkt noch immer in New York und traf erst am 3. Juli in der isländischen Hauptstadt ein.

Preisgeld

Es war vereinbart, daß der Sieger des Wettkampfes 78.125 US-Dollar erhalten sollte, der Verlierer 46.875 US-Dollar. Beide Spieler sollten außerdem zu jeweils 30 Prozent an den zu erwartenden Erlösen aus den Film- und Fernsehrechten beteiligt werden, insgesamt ging es also um ca. 150.000 US-Dollar. Im Verlauf der Verhandlungen und angesichts immer weiterer Drohungen Fischers, nicht anzutreten, sprang kurzfristig noch der britische Bankier James Slater ein und erhöhte am 3. Juli 1972 das Preisgeld nochmals um 50.000 Pfund Sterling (ca. 125.000 US-Dollar) auf damit insgesamt rund 275.000 US-Doller.

Das Match

Fischers Fehlstart

In der ersten Partie des Wettkampfes leistete sich Bobby Fischer, der erst sechs Minuten nach dem offiziellen Beginn der Partie und Spasskis Eröffnungszug 1.d2-d4 im Spielsaal erschienen war, mit seinem 29. Zug in vollkommen ausgeglichener Stellung (sechs jeweils gleichmäßig verteilte Bauern bei gleichfeldrigen Läufern) einen schwer zu erklärenden und folgenschweren Fehler: Lxh2. Der Läufer war daraufhin vom Spiel abgeschnitten und ging wenig später verloren. Anschließende Analysen haben allerdings ergeben, daß Schwarz bei genauestem Spiel die Partie ausgeglichen hätte halten können. Der damals 21-jährige Anatoli Karpow meinte, daß Spasski davon überzeugt sei, mit Weiß jederzeit gegen Fischer zumindest ein Remis halten zu können, während Fischer keinesfalls Remis spielen und Spasski das Gegenteil beweisen wollte - auch für den Preis einer eventuellen Niederlage.


1. Partie des Weltmeisterschaftskampfes nach dem 29. Zug von Schwarz (Fischer)

Zur zweiten Partie trat Fischer erst gar nicht an – er protestierte damit gegen drei im Zuschauersaal aufgestellte Fernsehkameras, durch die er sich in seiner Konzentration gestört sah und gab die Partie kampflos verloren. Dieser Sieg erwies sich in der Folge für den sensiblen Weltmeister jedoch als Pyrrhussieg; statt den Zusatzpunkt einfach einzustreichen, ließ sich Spasski - der das Spielkönnen von Fischer sehr hoch einschätzte - durch dessen extremes Verhalten verunsichern. Von Fischer wiederum hieß es, er hätte schreckliche Angst davor, zu verlieren und wäre deshalb nicht angetreten: Die Angst vor dem Verlieren würde bei ihm die Spielfreude überwiegen.

Die Wende

In der dritten Partie des Wettkampfes gelang Fischer - der wieder kurz vor einer Abreise gestanden hatte - sein erster Sieg über Spasski überhaupt.
Vor dem Wettkampf hatten beide erst fünfmal gegeneinander gespielt, dreimal war Spasski jeweils mit Weiß erfolgreich, zweimal trennten sich die Kontrahenten remis. Das erste Mal trafen die beiden anläßlich eines Turnieres in Mar del Plata am 30. März 1960 in Argentinien aufeinander – Spasski gewann. Die letzte Begegnung von Spasski und Fischer vor dem Wettkampf war am 19. September 1970 bei der Schacholympiade in Siegen und wieder behielt Spasski in einer bemerkenswerten Partie die Oberhand.

Ein Doppelschlag in der 5. und 6. Runde bedeutete die endgültige Wende in dem Weltmeisterschaftskampf und die Führung für Fischer, die dieser ab diesem Zeitpunkt relativ problemlos verteidigte. Ein schwerer Fehler Spasskis im 27. Zug in der fünften Partie beendete diese sofort und in der anschließenden sechsten Partie zeigte der konsequent auf Sieg spielende Fischer seine ganze Stärke:


6. Partie des Weltmeisterschaftskampfes nach Fischers partieentscheidenden Qualitätsopfer 38.Txf6

Im vollbesetzten Saal erhielt Fischer direkt nach Partieende vom begeisterten Publikum spontan stehenden Applaus, in den der sichtlich geschockte Spasski noch am Brett sitzend einfiel.


Lediglich in der 11. Partie gelang es dem Titelverteidiger, seinen Herausforderer (wieder mit Weiß) in 31. Zügen überzeugend zu schlagen:


11. Partie des Weltmeisterschaftskampfes nach 31. Txe6 von Spasski (Schlußstellung)

Das Ritual

Im Laufe des Duells entwickelte sich zwischen den beiden Spielern das folgende, beispielhafte Ritual: Stets schon lange vor Spielbeginn um 17.00 Uhr war der Saal bereits vollständig mit schachbegeisterten Isländern gefüllt, der deutsche Schiedsrichter Lothar Schmid tritt an den Bühnenrand, bittet das Publikum nochmals um absolute Ruhe. Kurz vor 17.00 Uhr erscheint Boris Spasski, der mit einer Verbeugung das applaudierende Publikum begrüßt, schüttelt dem Schiedsrichter die Hand und setzt sich in seinen schwarzen Ledersessel (bis zur 7. Partie mußte der Weltmeister mit einem einfachen Polsterstuhl mit nicht verstellbarer Rückenlehne und hölzernen Armlehnen vorlieb nehmen, während sich der Herausforderer in einem Luxusdrehsessel aus Leder räkelte. Ab der 7. Partie verfügte Spasski über das genau gleiche Modell: Importiert aus den USA vom gleichen Hersteller). Punkt 17.00 Uhr setzt Lothar Schmid die Schachuhr von Boris Spasski in Gang, dieser überlegt ca. 15 Sekunden, spielt dann den ersten Zug, e2-e4, lehnt sich nochmals zurück und verläßt nach ca. einer Minute über eine Seitentür gemächlich den Spielsaal. Fünf Minuten bleibt das Brett verwaist, dann eilt Fischer, begleitet von freundlichem Begrüßungsapplaus, mit langen Schritten an den Spieltisch, mustert kurz die Stellung, im Stehen der Zug c7-c5, dann bequemes Zurückwippen im Sessel. Nun ist es an Fischer, auf seinen Gegner zu warten. Nach zwei, drei Minuten erscheint Spasski wieder in der Seitentür, obligatorisches Händeschütteln mit Fischer, die Partie kann beginnen...

Das Ende

Nach der 20. Partie benötigte der Herausforderer noch einen Punkt bis zum endgültigen Sieg:
Die 21. und letzte Partie des Wettkampfes wurde am 31. August 1972 nach dem 41. Zug von Spasski (Le6-d7) als Hängepartie abgebrochen. Am folgenden Tag erschien Spasski jedoch nicht mehr zur Wiederaufnahme des Kampfes, sondern teilte dem deutschen Schiedsrichter Lothar Schmid telefonisch die Aufgabe der Partie mit.
Die 2.500 Zuschauer, die sich an diesem Tage im Spielsaal eingefunden und jeweils 5 Dollar Eintrittspreis entrichtet hatten, wurden um ein spannendes Finale betrogen. Die Stellung von Spasski war zwar schlecht, aber nicht hoffnungslos, Spasski hatte zumindest noch die Aussicht, bei genauem Spiel ein Remis zu erreichen. Sowie Fischer am Spielort zur Fortsetzung der Partie eintraf, gab Lothar Schmid die telefonische Aufgabe durch Boris Spasski bekannt.

Höflicher Applaus des äußerst sachverständigen isländischen Publikums, ein linkisch ins Publikum winkender neuer Weltmeister - das Match des Jahrhunderts war vorbei.


21. Partie des Weltmeisterschaftskampfes nach 40. – Bh5 von Fischer

Bei der Abschlußfeier am Sonntag, den 3. September, in der Laugardal-Halle in Reykjavík – zu der Bobby Fischer zur Erleichterung der Veranstalter entgegen allen Befürchtungen in einem violetten Samtanzug fast eine Stunde zu spät doch noch erschien und sogar neben Boris Spasski seinen Platz einnahm – ließ es sich der Amerikaner nicht nehmen, noch auf der Bühne den überreichten Umschlag mit dem Siegerscheck zu öffnen und den Inhalt genau in Augenschein zu nehmen.

Auf eine Abschlußrede verzichtete Bobby Fischer.


Im Haus der Kultur im Stadtzentrum der isländischen Hauptstadt Reykjavík sind der Originalschachtisch, die verwendeten Figuren und die verwendete Schachuhr ausgestellt.

Beurteilung

Die Qualität der Mehrzahl der gespielten Partien rechtfertigte letztendlich nicht die überragende Beachtung, die der Wettkampf in der ganzen Welt weckte, lediglich die Partien 3, 4, 6, 10, 11, 13 und 15 zeigten die beiden Akteure auf der Höhe ihres Könnens, wurden den hohen Erwartungen gerecht und entschädigten die Schachfans in der ganzen Welt.
Aber die überwiegende Mehrheit der in der Regel nicht so schachkundigen Öffentlichkeit war sowieso mehr an der schillernden, exzentrischen und unberechenbaren Persönlichkeit Bobby Fischer interessiert und wurde nicht enttäuscht. Er hatte es tatsächlich geschafft, die jahrzentelange Sowjetherrschaft im Schach zu brechen und die mit Abstand höchste Siegprämie zu erringen, die jemals bei einer Schachveranstaltung ausbezahlt wurde. Es war ihm außerdem gelungen, das Schach aus seinem Nischendasein zu katapultieren und dem Spiel der Könige neue Anhänger zuzuführen.
Der amerikanische Präsident Richard Nixon ließ es sich nicht nehmen, Fischer von seinem Urlaubsort San Clemente aus zur "absoluten Meisterschaft im schwierigsten Spiel der Welt" zu gratulieren und zu einem Besuch ins Weißen Haus einzuladen - ein Besuch, der allerdings nie stattfand.
Spasski meinte abschließend, daß er bis zuletzt das Gefühl gehabt habe, er könne seinen Titel erfolgreich verteidigen, doch Fischer sei ihm stets, wenn er das Gefühl gehabt habe, er hätte ihn, „wie ein Fisch aus den Händen geglitten“.

Partienverlauf
  1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Ergb.
Boris Spasski1+0½00½0½01½0½½½½½½½0
Robert J. Fischer0-1½11½1½10½1½½½½½½½112½
EröffnungE56 A77B88E41D59B97A39D41C95B97D66B04D37B99C69B09B69B05B68B46



Epilog

1992, genau 20 Jahre später, traten die beiden Kontrahenten ausgerechnet im Jugoslawien des geächteten Diktators Slobodan Milo¹eviæ während des Balkankonflikts unter großem Medieninteresse nochmals gegeneinander an. Bobby Fischer, der seit 1972 keine ernsthafte Turnierpartie mehr gespielt hatte, bezwang Boris Spasski, der nach dem Finale von 1972 nur noch einmal, bei seinem Sieg bei der 41. UdSSR-Meisterschaft 1973, seine alte Spielstärke erreichte, mit 17,5 zu 12,5 (+10 =15 –5). Das Preisgeld diesmal: 3,3 Millionen US-Dollar.

Literatur
  • David Edmonds/John Eidinow: Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann, DVA 2004, ISBN 3-421-05654-4
  • Svetozar Gligoriæ: Fischer Spasskij, Schachmatch des Jahrhunderts, Droemer Knaur 1972
  • Ludìk Pachman: Der Titelkampf Fischer-Spasskij. Rau-Verlag 1972
  • Rudolf Teschner: Fischer gegen Spasski 1972 und 1992, Edition Olms 1993. ISBN 3-283-00270-3





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Artikel Nr 411 / letzte Änderung am 02.07.2005, 22:20Uhr

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